Eigentlich sollten wir jetzt irgendwo im Nirgendwo auf der anderen Seite der Welt stehen. Genauer gesagt in Peru. Eigentlich.
Doch dummerweise hat sich mein Bruder 5 Wochen vor Abflug bei einem Fahrradunfall das Schlüsselbein gebrochen. Krankenhaus statt hoch hinaus. 5 Monate Organisation, Tourenplanung und tausend andere Vorbereitungen umsonst. Zusätzlich sind auch noch ein Haufen DAV Touren ins Wasser gefallen. Dumm gelaufen. Stattdessen gibt es einen kurzen Bericht, welcher zwar nicht aus Südamerika kommt, aber dafür aus einer der wildesten Ecken der Alpen (Von dem was wir bis jetzt gesehen haben): Die Südseite des Mont Blanc.
Los geht es im idyllischen Val Veny auf 1570m. Nachdem wir uns an den Vortagen im cirque du Maudit bei einer Wanderung Richtung Dent du Geant akklimatisiert haben (Inklusive Gewitter und Hagel im Zelt), sind wir mit der Seilbahn von der Pointe Helbronner nach Courmayeur gefahren und beginnen nun den Aufstieg zur Monzino Hütte (Ehemalige Gamba Hütte). Vor uns liegt mit 3250 Höhenmetern eine der höchsten Wände der Alpen mit berühmten Anstiegen wie dem Peuterey Grat, dem Brouillardgrat oder den berüchtigten Zentralen Freneypfeiler. Unser Plan ist es auf einer der nominell einfachsten Routen, dem Innominata Integral Grat (D+, V+, 60°, 1600m) zum Gipfel des Blanken Hans (Mont Blanc) zu klettern und über die Cosmiques Route abzusteigen.
Über einen steilen Steig mit Klettersteigpassagen und mit der absolut dominierenden Gestalt der Aiguille Noire de Peuterey im Blick erreichen wir nach 2,5h Aufstieg die sehr gemütliche Monzino Hütte. Während sich andere Seilschaften nach dem Abendessen bereit zum Abmarsch Richtung Freney Pfeiler machen, kriechen wir in die Koje und Zündla überredet mich den nächsten Tag etwas entspannter angehen zu lassen, um unsere Kräfte für das Finale Grande gut einzuteilen.
Wir laufen am nächsten morgen entspannt um 7:00 los biegen jedoch nicht zum Brouillard Gletscher ab, sondern steigen über die Reste des Glacier Chatelet Richtung Col de Innominata weiter. Über eine Felsstufe und 2 Seillängen Kletterei erreichen wir das geschichtsträchtige Col, an dem sich 1961 einer der größten alpinistischen Tragödien der Alpen ereignet hat. Nun geht es immer am Grat entlang in anregender, nie besonders schwieriger Kletterei dem Gipfel entgegen, wobei mehrere Vorgipfel überwunden werden müssen und sich der Weg bis zum eigentlichen Gipfel ganz schön zieht. Entschädigt wird man mit fantastischen Tief- und Ausblicken zum Freney- und Brouillard Gletscher, der Aiguille Noire und dem Aosta Tal, welches nun schon ziemlich weit unter uns liegt. Obwohl wir bereits mehr als 2000Hm über die letzten beiden Tage zurückgelegt haben, geht es auf der anderen Seite noch einmal 1200 Hm nach oben und wir können die berühmten Südpfeiler des Mont Blanc endlich einmal mit eigenen Augen sehen. Beim Gedanken, dass wir da direkt zwischendurch Klettern wollen kann einen schon einmal etwas mulmig werden.
Um 15:00 Uhr kommen wir am Hauptgipfel der Punta Innominata, 3730m, an und seilen uns vier Mal 25m ins Col de Freney ab. Anschließend müssen wir durch eine mittlerweile aufgeweichte Flanke zum Eccles Biwak aufsteigen. Um 17:00 Uhr kommen wir an der unteren Biwak Schachtel, in welcher sich schon ein französisches Pärchen eingerichtet hat, an. Die Biwak Schachtel ist in einem desolaten Zustand, da eine Ecke fehlt (Biwak Eck-less), der Boden mit Schnee gefüllt ist und die Schachtel so ausschaut, als würde sie jeden Moment in die Tiefe kippen. Doch draußen schlafen ist auf 3800m Höhe auf jeden Fall auch ungemütlich und so Richten wir uns auch in der mit „Bivacco Infraibile“ gekennzeichneten Hütte ein. Die gute Nachricht ist, dass der Aufstieg zum Col Eccles über den Gletscher gut eingespurt ist, da in letzter Zeit sowohl der Innominata Grat als auch der Freney Pfeiler häufiger begangen wurden. So schlafen wir guter Dinge bei einem grandiosen Abendpanorama ein.
Um 2:30 klingelt der Wecker und um 3:30 seilen wir uns bereits auf den Gletscher ab. Durch perfekt eingespurten und durchgefrorenen Schnee erreichen wir bereits nach 45min das Col Eccles. Hier legen wir die Steigeisen ab und beginnen mit der Kletterei. Die Schlüsselstelle am roten Turm ist im Halbdunkeln wirklich zach und wir nullen beide die schwierigste Passage. Dann geht es weiter in anregender Kletterei, unter einem Klemmblock hindurch und über einen kurzen fast komplett abgetauten Firngrat erreichen wir das Grand Couloir um kurz vor 7:00 Uhr. Die Querung selber verläuft problemlos, nur einmal haben wir mit Steinschlag zu kämpfen, welcher wahrscheinlich von einer vorangehenden Seilschaft ausgelöst wurde (Beim Einstieg um 3:30 haben wir bereits Stirnlampen ziemlich weit oben in der Wand gesehen, welche wahrscheinlich gegen Mitternacht losgelaufen sind). Anschließend wir über ein in der Routenbeschreibung als Firnrampe deklariertes eisiges Band den eigentlichen Gratabschnitt des Innominata Grates. Hier haben wir die technischen Hauptschwierigkeiten hinter uns und klettern am laufenden Seil dem Himmel entgegen.
Die berühmte Wechte am Ende dieses Gratabschnitts erkennen wir erst im Nachhinein, da sie fast vollständig abgeschmolzen ist. Nun müssen wir noch einige hundert Meter über eine Schneeflanke bis zum Brouillard Grat aufsteigen. Dies gestaltet sich aufgrund der schlechten Schneeverhältnisse als äußerst schweißtreibend und wir müssen auf einer Höhe von über 4500 Metern ordentlich schnaufen. Dafür können wir in den Verschnaufpausen immer wieder den überwältigenden Tiefblick genießen. Am Brouillardgrat angekommen machen wir nach 10 Stunden um kurz vor 2 Uhr Pause. Während wir bis zum Grand Couloir gut vorangekommen sind, hat insbesondere die Schneeflanke im oberen Teil noch einmal viel Zeit gekostet. Da wir nun keine realistischen Chancen auf die letzte Bahn mehr haben, lassen wir uns nun Zeit, schmelzen Schnee und sammeln unsere Kräfte für die letzten Meter zum Gipfel und den Abstieg. Über den Mont Blanc de Courmayeur erreichen wir um 16:00 den Gipfel des Mont Blanc, 4810m, welchen wir bis auf eine andere Seilschaft welche vom Grand Pilier d’Angle kommt, komplett alleine für uns haben.
Nun beginnt der 1500 Hm lange Abstieg über die Cosmique Route welcher uns über entlang des Mont Maudit und des Mont Blanc du Tacul bis zur Aguille du Midi führt. Dabei müssen besonders im Abstieg vom Mont Maudit große Spalten überklettert werden und die Flanke vom Mont Blanc du Tacul ist von einer rießigen Lawine durchfurcht. Im Nachhinein erfahren wir, dass hier am Vortag ein großer Serac mitten in der Nacht abgebrochen ist und mehrere Bergsteiger verschütte hat. Bei usn geht jedoch zum Glück alles gut und wir erreichen um 20:30 Uhr die wirklich gemütliche und gut geführte Cosmique Hütte.
Nach gemütlichem Ausschlafen bis 7:00 Uhr und herrlichen Frühstücksbuffet kraxeln wir zum Ausklettern über den Cosmique Grat in 2,5h zur Aiguille du Midi und fahren anschließend mit der Seilbahn über das Mer de Glace zur Pointe Helbronner rund von dort aus wieder zurück nach Courmayeur. Noch in der Seilbahn fängt es das Regnen an und das Schönwetterfenster schließt sich.
Fazit: Absolute Traumtour, welche zurecht als einer der besten kombinierten Touren der Alpen gilt.
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