Dolomiten 2022 | © Benedikt Rauh

Chill & Climb Teil 2: Dolomiten

Klettern rund um Cortina D'Ampezzo

10.09.2022

Mittwoch, 31.08.22: Anreise

Nach einer langen und verregneten Fahrt von Slowenien aus kommen wir am späten Nachmittag am Campingplatz in Cortina d‘Ampezzo an. Nach einer heißen Schokolade schlagen wir unser tropfnasses Lager auf und genießen voller Vorfreude auf die nächsten Tage die Abendstimmung an den umliegenden Bergen.

Donnerstag, 01.09.22: Kleiner und großer Falzaregoturm

Um 7:30 Uhr klingelt der Wecker und wir stehen aus unserer grünen Tropfsteinhöhle auf, um in der Sonne zu frühstücken. Nachdem jeder sein Zeug gepackt hat, fahren wir die Falzaregopassstraße bis kurz vor die Passhöhe hinauf und stellen dort die Autos ab. Nun können wir auch das heutige Ziel: Den kleinen und den großen Falzaregoturm sehen. Der Zustieg ist sehr kurz und an der Lazarettruine aus dem 1. WK machen wir noch einmal eine kurze Besprechung und suchen die Routeneinstiege, denn Bane, Fabi und Sophie erklettern den kleinen Turm über die Ghedina (9 SL, 5) und Christoph, Niklas und Filip den großen Turm über die Dibona (10 SL, 6-). Bei der zweiten Gruppe steigt Gigi den ersten Teil der Tour vor, welcher meist über gestuftes Gelände führt und nie richtig schwierig wird, dennoch die ein oder andere schöne Kletterstelle parat hat. Der zweite Teil ist Dolomiten typisch steil und der Fels ist auf unserer Seite, da er an den Stellen einen großen Henkel bietet, an denen man einen braucht. Anders das Wetter: Nach dem morgendlichen Sonnenschein haben schon früh Wolken den Himmel bedeckt und nun in der vorletzten Seillänge beginnt es das Nieseln. Obwohl die Seillänge eigentlich sehr schön auf einen freistehenden Pfeiler führt, mindern die feucht werdenden Tritte das Klettererlebnis. In der letzten Seillänge wartet dann die Schlüsselstelle (im Führer beschrieben: athletischer Überhang). Dieser stellt aber kein Problem dar, da es sich eher um eine kleine Wulst handelt. Nach einer kurzen Trink und zusammenpack Pause wird über den Normalweg abgekraxelt. Kurz vor dem Auto treffen sich die beiden Seilschaften und machen nach der Anstrengung erst einmal eine Vesper. Wieder am Campingplatz kocht Fabi die alte Kaffeebohne einen Espresso und es werden Nudeln mit Pesto gekocht. Vor dem ins Bett gehen wird das Wetter gecheckt und beschlossen einen geschichtsträchtigen Ausflug zu machen.

Freitag, 02.09.22: Hexenstein Südkante

Das heutige Ziel ist die Hexenstein Südkante (8 SL, 4+). Zunächst fahren wir die bereits vom Vortag bekannte Falzaregopassstraße hinauf. Diesmal folgen wir der Straße aber noch weiter bis wir zur Passhöhe des Valparolapasses kommen und dort am Parkplatz des Sperrforts „Tra i Sassi“ parken. Hier bekommt man schon mal einen ersten Vorgeschmack auf unseren „geschichtsträchtigen Ausflug“. Denn die heute so malerische Landschaft war leider im ersten Weltkrieg Schauplatz des Gebirgskriegs zwischen Österreich und Italien. Schon beim Zustieg kann man sich auf historische Spuren begeben, indem man die originelle und sehr empfehlenswerte Zustiegsmöglichkeit durch den 500 Meter langen „Goiginger Stollen“ wählt, welcher horizontal im Berginneren verläuft. Nach anfänglichen Orientierungsproblemen finden wir den Eingang des Stollens, ziehen die Stirnlampen an und folgen dem Tunnelsystem vorbei an fensterartigen Öffnungen und Stellungen. Vom Stollenausgang ist es dann nicht mehr weit zum Einstieg der Route. In zwei Dreierseilschaften aufgeteilt, bietet sich uns elegante Kantenkletterei mit abwechslungsreichen Passagen, beispielsweise einem Durchschlupf in der fünften Seillänge. Nach uns steigt ein Bergführer aus dem Schwarzwald mit seiner Frau in die Route ein und so ergeben sich am Stand interessante Gesprächsthemen, unter anderem Routenempfehlungen für Touren in Südamerika. Am Gipfel angekommen genießen wir das Panorama mit Blick auf den Lagazuoi, bevor wir den Abstieg über den Normalweg antreten. Dabei geht es durchgehend an Schützengräben vorbei und es bieten sich immer wieder Möglichkeiten vom Weg abzuweichen und teilweise enge Tunnel mit Holztrittleitern zu erkunden. Am Auto angekommen machen wir Brotzeit und beschließen unser Wissen über die historischen Hintergründe mit einem Besuch im Museum des Forts auszubauen. Das Highlight des Museums stellt für Bene, Christoph, Fabi und Niklas ein Geschütz der Österreicher aus dem ersten Weltkrieg dar. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Geschützen in Museen ist dieses noch komplett funktionsfähig und fast alle Teile, angefangen vom Verschluss bis hin zu den Bremsen der Lafette, lassen sich noch bewegen. Geschichte zum Anfassen! Einzig Sophie kann unsere Begeisterung nicht ganz nachvollziehen. Für zusätzliche Aufregung sorgt ein Rettungshelikopter, welcher zu einem Einsatz am Lagazuoi gerufen wurde und anschließend in der Nähe des Museums landet. Von diesem ist wiederum Filip sehr begeistert und deshalb auch kurzzeitig nicht auffindbar, um sich den Hubschrauber aus der Nähe anschauen. Nachdem jeder auf seine Kosten gekommen ist, können wir alle zufrieden Richtung Campingplatz fahren. Wir kochen zusammen und da morgen ein entspannter Tag geplant ist bleibt vor dem Schlafengehen auch noch Zeit für eine Runde Codenames.

Samstag, 03.09.22: Pausetag in Cortina D‘Ampezzo

Um kräftemäßig für die kommenden Tage gewappnet zu sein, entschließen wir uns heute unseren Pausetag einzulegen, welcher damit eingeläutet wird, dass wir einmal ausschlafen dürfen und nicht wie sonst um 07:00 Uhr aufstehen müssen. Nach einem gemütlichen Frühstück treten wir zu einem dreiviertstündigen Fußmarsch  in die Innenstadt von Cortina an, um uns dort ein wenig umzusehen. Bei einem Gang durch die Fußgängerzone bewundern wir die neuen Kollektionen von Abbigliamento, Le Noir, Gucci und Moncler, welche uns aber leider nicht ganz überzeugen können, auch wenn manche Exemplare sicher ein echter Hingucker auf der Fiameskante am nächsten Tag wären. Größeres Interesse weckt bei uns, der in einem Glaskasten ausgestellte Wagen der Rallye Dakar, zu welchem sich ein Gruppenteilnehmer sofort versucht, Zutritt zu verschaffen. Auch dem Patagonia-Store statten wir noch einen Besuch ab, in welchem von uns auch unmittelbar eine kurze Modeshow durchgeführt wird. Aufgrund unseres schmalen Budgets entscheiden wir uns aber, dass es eine bessere Idee ist  beim nächsten "Bergfreunde"-Sale zuzuschlagen und unser Geld lieber im nächsten Supermarkt für das Abendessen zu investieren.

Nach einem kleinen Powernap am Campingplatz und Abendessen veranstalteten wir dann noch einen kleinen Spieleabend und lassen den Tag gemütlich ausklingen.

Sonntag, 04.09.22: Fiammeskante

Nach dem ersten Pause-Tag folgt sogleich der nächste – diesmal jedoch nicht im Zelt, sondern „Im extremen Fels“. Als Ziel haben wir uns die Südostkante der Punta Fiammes (V+, 15Sl.) herausgesucht, welche vom Campingplatz weitaus sichtbar ist uns schon seit Tagen anlacht. Um kurz nach 7 laufen wir am Fußballstadion von Cortina los und steigen durch einen traumhaften Lärchenwald dem Einstieg entgegen. Leider verhauen wir uns gleich beim Zustieg und klettern eine Rinne zu weit oben hoch, sodass wir ca. 30 Minuten verlieren und nochmal zurück klettern müssen. So verspielen wir unseren Frühstarter Vorteil und müssen uns zähneknirschend hinter 3 italienischen Seilschaften einordnen. Diese sind jedoch so langsam, dass wir sie mit unseren zwei Dreierseilschaften problemlos in den ersten vier Vorbau Seillängen bis zu der markanten Querung zur eigentlichen Kante überholen können. Ab hier genießen wir die steile, ausgesetzte, aber stets griffige Kletterei bis zum oberen fünften Schwierigkeitsgrad mit traumhaft bequemen Standplätzen. Auch das Wetter ist zum ersten (und letzten) Mal wirklich perfekt und alle haben eine Mords Gaudi beim Kraxeln. Nach 4,5 Stunden Kletterei erreichen wir den Gipfel, machen eine ausgiebige Brotzeit und staunen über den Weitblick auf die unzähligen Felsnadeln der Dolomiten, welche von grünen Tälern eingerahmt werden. Der Abstieg verläuft dann über eine unangenehme Schuttrinne bis wir wieder den Aufstiegsweg erreichen. Problemlos geht es im Laufschritt wieder hinab zum Auto, denn schließlich wartet am Campingplatz schon das Abendessen auf unsere hungrigen Mägen.

Montag, 05.09.22: Klettern am Laguzoi

Trotz der großen Tour am gestrigen Tag stehen wir heute nochmal früh auf, um an die Tofana zu fahren. Denn die Rauhs haben sich für unser heutiges Ziel die erste Tofana Kante, auch Alverakante genannt rausgesucht. Nach einem zügigen Start fahren wir den bekannten Weg zum Falzaregopass hinauf, bis wir in einer Unscheinbaren kurve auf den Weg zur Rifugio Dibona abbiegen. Hier wird Fahrzeugen und Fahrern nochmal alles abverlangt. Doch nach wenigen Minuten sind wir am Parkplatz unter dem Wandfuß. Hier müssen wir leider feststellen, dass sich heute nicht alle Aspiranten 100% fit fühlen. Nach einer kurzen Diskussion entscheiden wir uns zurück und weiter an den kleinen Lagazuoi zu fahren und hier in frisch gemischten Seilschaften Sophie, Filip & Fabi die Via del Buco UIAA 4, 10 SL und Bene, Gigi & Niklas die „Orizzonti di Gloria“ (VII-, 7Sl) zu klettern. Der Einstieg ist schnell gefunden und so machen wir uns auf in die erste Seillänge, in welcher es auf den ersten Metern gleich gut zur Sache geht. In der zweiten SL wartet die Querung durch eine überhängende Platte auf uns. Im Nachhinein war vermutlich das die Schlüsselstelle. Hierrauf folgen drei weitere Längen durch herrliche Platten- und Risskletterei. Jetzt machen wir Stand auf einem breiten Schotterband. Nach einer unschön verwinkelten Seillänge sind wir auf einem noch größeren Band mit Stacheldrahtresten, die von dem Stellungskrieg, der vor fast 100 Jahren hier herrschte, zeugen. Von hier sehen wir Sophie, Fabi und Filip, wie sie aus ihrer Route aussteigen. Uns trennt nun nur noch eine wunderschöne Seillänge an einer luftigen Kante von unserem Ausstieg. Oben wartet bereits Fabi und macht fleißig Fotos von uns. Nach einer kurzen Verschnaufpause machen wir uns an den Abstieg, welcher entlang von Stellungen aus dem Krieg über den Kaiserschützensteig zum Wandfuß und unserer Vesper führt. An den Rucksäcken verharren wir, bis uns der Regen zurück zum Auto zwingt. Den restlichen Tag lassen wir entspannt am Campingplatz ausklingen.

Dienstag, 06.09.22: 1. Tofanapfeiler Alveràkante

Durch den spontan entspannten Klettertag am Vortag werden wir heute hochmotiviert und vorfreudig auf den zweiten Anlauf an der Tofana vom 6-Uhr-Wecker aus den Schlafsäcken getrieben. Das darauffolgende Müslischlürfen und Kaffeekochen im grünlichen Licht unseres Vorzeltes hat sich schon längst als Routine etabliert und so verlassen die gepackten Autos pünktlich den verschlafenen Campingplatz. Auf dem Weg zum Ausgangsparkplatz dürfen sich Fahrer und Fahrzeuge über Schlaglöcher und Bodenrillen freuen, wobei die mitfahrenden Experten endlich wieder eine hochqualifizierte Debatte über Differenzialgetriebe, adaptive Luftfahrwerke u.Ä. lostreten können.

Kurz darauf folgen wir im idyllisch vom Morgenlicht beschienenen Hang bereits dem Trampelpfad zum Zustieg, wobei uns außer einigen fotogenen Gämsen nur ein Bergführer samt Kundschaft begegnet. Nachdem wir diesen am Einstieg den Vortritt lassen, starten wir bald in die Erste der insgesamt 14 Seillängen. Die Seilschaften sind gut eingespielt und der fortwährende Sonnenschein, luftige Passagen in gutem Fels und einige „Bomber-Placements“ wecken Kletter-Glücksgefühle vom Feinsten. Ganz nach dem Motto „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von über dir ein Henkel her“ genießen wir die restliche maximal mit V+ bewertete Kletterei in vollen Zügen und steigen danach, durch Müsliriegel gestärkt, in Richtung Giussani-Hütte ab.

Meldung: Interne Quellen berichten, dass kurz darauf eine Mauer der Schützengräben aus dem Gebirgskrieg, welche das Kar durchziehen, zusammenbricht. Dass unserer geschichtsbegeisterter Jugendleiter zu jenem Zeitpunkt auf eben jenen Kriegszeugnissen herumturnt, ist reiner Zufall. Im Zweifel soll jedoch gelten: Die Jungmannschaft haftet nicht für ihre Jugendleiter.

Unabhängig davon, legen wir, um unsere hungrigen Mägen zu besänftigen, an der Hütte eine kurze Mittagspause ein, bevor wir den restlichen Abstieg zum Parkplatz antreten, wo wir erst nochmal eine Brotzeit machen. Diese regelmäßigen kulinarischen Zwischenhalte sind wichtig, denn am Campingplatz erwarten uns anstrengende Aufgaben wie etwa Duschen, Kekspausen und Abendessen kochen. Zum Glück gelingt es uns ein weiteres Mal, eine küchentechnische Glanzleistung auf dem Campingkocher hinzulegen und wir lassen den Abend mit Ricotta-Spinat-Pasta und Gemeinschafsspielen im Kerzenlicht ausklingen.

Mittwoch, 07.09.2022: Diami Direkt an den Cinque Torri

Baden oder Klettern ist heute die Frage aller Fragen…wir entschieden uns fürs zweiteres…ob wir damit die richtige Entscheidung getroffen haben, erfahrt Ihr am Ende dieses Abschnitts.
Da das Wetter für den heutigen Nachmittag (wieder einmal) schlecht vorhergesagt ist, entschließen wir uns die Diami Direkt (6+, 8SL) am Cinque Torri, einem kleineren freistehenden Bergmassiv in der Nähe von Cortina in Angriff zu nehmen. Angekommen am Parkplatz schlängeln wir uns dann erst einmal durch zahlreiche Rentergruppen, die dort eine Wanderung unternehmen, zum Wandfuß. Dort angekommen, erwartet uns eine andere Seilschaft aus zwei Italienern, die in die Route einsteigen, wobei der Nachsteiger bereits in der ersten Seillänge bei einem abgespeckten Riss Probleme hat und waghalsige Sturzmanöver mit 3-fachen Rotationen um die eigene Achse vollführt, was in einem Steinregen auf unseren Köpfen resultiert. Da vorerst keine Besserung in Sicht ist und auch bereits eine dritte Seilschaft hinter uns wartet, entschließen wir uns die beiden verzweifelten Italiener zu überholen. Weiter geht es über eine Kante, einem Riss und einer Querung ausgesetzt empor, wobei die Route nur bei wenigen von uns Begeisterung weckte, was an den Kommentaren wie: „Wären wir doch heute bloß baden gegangen“, „Was ist denn das für eine Kack-Route?!“ oder noch schlimmer „das ist ja mehr bouldern wie klettern“ zu erkennen ist. In der vorletzten Seilläge bestätigen sich diese Aussagen, als Bene im Nachstieg trotz sorgfältigen Klopftest einen oberkörpergroßen Stein aus dem Berg zieht und mit diesem auf den vorherigen Standplatz segelt. Dem nicht genug können wir nun zusehen, wie der riesige Brocken in Richtung Erdboden zusteuert, auf welchem sich gut frequentierte Wanderwege befinden. Gott sei Dank befindet sich in diesem Moment keiner der vorher mühsam überholten Rentner in der Nähe und der Block verursacht lediglich einen großen Krater im Boden. Wir schauen uns an und müssen erst einmal kurz durchschnaufen (Bene geht´s zum Glück soweit gut). Jetzt reicht es uns und wir wollen nur noch schnell hoch, also beißen wir nochmal die Zähne zusammen, durchqueren wie auf rohen Eiern den brüchigen Fels und kommen nach kurzer Zeit, immer noch leicht traumatisiert, am Ausstieg an. Die Abseilpiste durch eine 50m hohe Schlucht kann das Vorgefallene dabei nur ein wenig entschädigen.

Zurück am Parkplatz vespern wir erstmal und verdauen unseren Schrecken, währenddessen stapfen die beiden Italiener vom Anfang der Tour vorbei, wobei einer der beiden freudestrahlend, mit nach oben gestreckten Daumen, uns zuruft: „I did it!“, wofür wir ihn dann auch herzlich gratulieren.

Unser Fazit am Cinque Torri: Nächstes Mal lieber baden…